Lob, Tip und Roll-Shot: clever punkten ohne harten Angriff
Der härteste Angriffsschlag ist nicht immer der klügste Ball. Gegen einen guten Block und eine stehende Abwehr punktet ein weicher Lob in die leere Mitte öfter als ein Knaller gegen drei Paar Hände. Wer Lob, Tip und Roll-Shot beherrscht, hat immer eine Antwort — gerade in den Momenten, in denen der perfekte Angriff nicht drin ist.
Warum weiche Techniken Punkte gewinnen
Eine Abwehr organisiert sich auf den harten diagonalen oder geraden Angriff: der Block deckt eine Ecke ab, die Abwehrspieler stehen tief. Genau dadurch entstehen Lücken — knapp hinter dem Block, in der Mitte des Feldes, in den kurzen Ecken. Weiche Techniken legen den Ball in diese Lücken. Sie sind kein Zeichen von Schwäche, sondern von Spielverständnis: der Angreifer, der variieren kann, zwingt die Abwehr, auch den kurzen Ball zu decken, und macht damit seinen harten Angriff wieder effektiver. Vor allem, wenn die Annahme nicht perfekt ist und die Mannschaft out-of-system spielt, ist der clevere weiche Ball oft die beste Wahl.
Der Tip (Push): mit den Fingern über den Block
Der Tip ist die weichste Variante: am höchsten Punkt deines Sprungs spielst du den Ball mit den Fingerspitzen deiner gestreckten Hand kontrolliert über oder am Block vorbei. Der vollständige Anlauf und Armzug bleiben identisch mit dem Angriff — das ist das ganze Geheimnis. Erst im allerletzten Moment verlangsamt der Arm und die Hand "schiebt" den Ball kurz. Klassische Ziele: knapp hinter dem Block und die Position des zurückgezogenen Zuspielers.
Achte auf die Regeln: der Ball muss geschlagen oder geschoben werden in einem kurzen Kontakt. Fangen-und-werfen ist ein geführter Ball. Und für den Libero gilt eine eigene Beschränkung: er darf nicht auf einen Ball angreifen, der vollständig über der Netzkante ist.
Der Lob (Poke): mit den Knöcheln
Den Lob spielst du mit den Knöcheln einer halben Faust — ein kurzer, fester Stoßkontakt. Weniger feinfühlig als der Tip, aber viel zuverlässiger unter Druck: du kannst damit keinen geführten Ball machen und der Kontakt ist auch bei einem schwierigen Ball stabil. Ideal für den zweiten Ball, der knapp zu straff ans Netz kommt, für Notsituationen und für beginnende Spieler, die den Tip noch nicht kontrollieren. Richte die Knöchel zum Ziel und stoße durch den Ball hindurch — nicht darunter schöpfen.
Der Roll-Shot: der weiche Angriff
Der Roll-Shot ist eine vollständige Schlagbewegung auf halbem Tempo: du triffst den Ball unter der Mitte und rollst die Hand mit aktivem Handgelenk darüber, wodurch er mit Topspin in einem Bögchen über den Block taucht und schnell abfällt. Es ist der schwierigste und wertvollste der drei: er sieht bis zum letzten Moment aus wie ein Angriff, geht über den Block hinweg und sackt vor den tiefen Abwehrspielern ab. Ziele: die Mitte des Feldes ("der Donut" — die Stelle, die in fast jedem System am schlechtesten gedeckt ist) und die tiefen Ecken über den Block.
Wann wählst du welchen Ball?
- Block steht groß und geschlossen, Abwehr tief: Tip oder Roll-Shot knapp hinter dem Block.
- Zuspiel zu straff am Netz, Block wartet: Lob — sicherer Kontakt, kein Netzfehlerrisiko eines erzwungenen Schlags.
- Abwehr kriecht nach vorne (sie erwarten den Tip): Roll-Shot tief in die Ecke, oder einfach wieder der harte Angriff.
- Schlechte Annahme, Angriff aus der Notsituation: hoher sicherer Ball tief in die schwächste Ecke — den Punkt überleben geht vor Punkt erzwingen.
Die Variation selbst ist die Waffe: ein Angreifer, der drei Mal tippt, wird beim vierten Mal erwartet. Schau im Spiel, wo die Abwehr steht, nicht wo sie stehen sollte — der Libero, der nach vorne kriecht, die Ecke, die niemand deckt. Gute Angreifer treffen diese Entscheidung erst in der Luft: der Anlauf und Armzug bleiben bis zum letzten Moment identisch mit einem harten Angriff, und erst beim Kontakt fällt die Entscheidung. Sobald die Abwehr deinen weichen Ball an deinem Anlauf ablesen kann, ist die Waffe stumpf.
Tipp für Trainer: verbiete in einer Spielform ab und zu den harten Angriff — jeder Angriffspunkt muss über Tip, Lob oder Roll-Shot fallen. Spieler entdecken innerhalb eines Trainings, wie viel Raum hinter und neben dem Block liegt, und nehmen diese Erkenntnis zurück in ihr normales Spiel.
Trainieren und in den Zahlen wiedersehen
Baue die Techniken in dieser Reihenfolge auf: Lob (sicherster Kontakt), Tip (Gefühl), Roll-Shot (vollständige Bewegung auf halber Kraft). Trainiere sie immer aus dem normalen Anlauf — ein Tip, den du aus dem Stand anlernst, verrät sich im Spiel. Und schau danach ehrlich auf das Ergebnis: registrierst du während Spielen die Punkttypen, etwa in einer App wie Koach, siehst du genau, wie viele Punkte über den cleveren Ball hereinkommen neben dem harten Angriff — und die Angriffsquote von Spielern, die variieren lernen, steigt fast immer. Mehr Angriffsfundament nötig? Zurück zu Angreifen lernen in 5 Schritten.
Häufige Fragen
Was ist ein Lob im Volleyball?
Eine weiche Angriffstechnik, bei der du den Ball mit den Knöcheln einer halben Faust kurz über oder am Block vorbei stößt. Der Kontakt ist stabil und kann nicht als geführter Ball abgepfiffen werden, was den Lob unter Druck zuverlässig macht.
Ist ein Tip erlaubt oder ist es ein geführter Ball?
Ein Tip ist erlaubt, solange es ein kurzer Kontakt ist, bei dem der Ball geschoben oder geschlagen wird. Kommt der Ball sichtbar in der Hand zum Stillstand oder wird er mitgenommen, pfeift der Schiedsrichter für einen geführten Ball.
Wann nutzt man einen Roll-Shot statt eines harten Angriffs?
Wenn der Block groß und geschlossen steht und die Abwehr tief: der Roll-Shot taucht mit Topspin über den Block und fällt vor den Abwehrspielern. Auch bei einem mäßigen Zuspiel ist er oft klüger als ein erzwungener harter Schlag.
Darf ein Libero einen Lob oder Tip spielen?
Nur wenn der Ball im Moment des Kontakts nicht vollständig über der Netzkante ist. Ein Libero, der den Ball über Netzhöhe Richtung Gegner angreift, macht einen Fehler — diese Regel gilt für jede Angriffstechnik, auch die weiche.

