„Mein Kind spielt zu wenig“: was du als Trainer sagst | Koach
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Interview · 13. September 2026

„Der Vater hatte recht nur nicht bei der Zahl dahinter“

Volleyballtrainer Dennis Boekhout über das Gespräch, das jeder Jugendtrainer einmal bekommt, und darüber, was sich ändert, wenn man Spielzeit zeigen statt erinnern kann.

Nach dem Spiel

Die Halle ist fast leer, die Taschen stehen schon an der Tür, und dann kommt ein Vater auf dich zu. Mein Kind spielt zu wenig. Jeder Jugendtrainer bekommt dieses Gespräch irgendwann, und kaum jemand hat darauf eine Antwort, die über ein Bauchgefühl hinausgeht. Dennis Boekhout hat jahrelang aus dem Kopf gecoacht und ist damit jedes Mal aufgelaufen.

Ein Gespräch über Spielzeit, die man zeigen statt schätzen kann, über Ballwechsel als ehrlichere Einheit als Minuten und über die Male, in denen der Vater gegenüber schlicht recht hatte.

Wie fängt so ein Gespräch normalerweise an?

„Nie während des Spiels. Immer danach, wenn die Halle fast leer ist und der Vater gewartet hat, bis ich allein dastehe. Das ist schon ein Zeichen: Er hat es sich wochenlang aufgespart. Und dann kommt es in einem Satz heraus: Mein Kind spielt zu wenig.

„Und ich stehe da mit der Tasche über der Schulter und soll etwas Vernünftiges zu drei Spielen sagen, von denen ich höchstens die letzten anderthalb Sätze noch klar vor Augen habe.“

Was hast du früher geantwortet?

„Irgendetwas Freundliches. ‚Am Samstag hat er doch ordentlich gespielt‘, oder ‚letzte Woche stand er den ganzen dritten Satz drin‘. Gelogen war das nicht, eine Antwort war es aber auch nicht. Das war meine Erinnerung gegen seine, und da gewinnt niemand.“

Warum lässt einen das Gedächtnis genau da im Stich?

„Weil du als Trainer Momente behältst, keine Zeit. Ich weiß noch genau, welchen Wechsel ich fast gemacht hätte und warum ich ihn dann doch gelassen habe. Was ich nicht weiß, ist, wie viele Bälle der Junge deshalb nicht mitgespielt hat.

„Und ein Vater behält das Gegenteil: die Ballwechsel, in denen sein Kind auf der Bank saß. Zwei ehrliche Erinnerungen, die sich widersprechen. Da redet man sich nicht heraus.“

Was legst du heute auf den Tisch?

„Den Block Spielzeit unter einem gespielten Spiel. Pro Spieler ein Balken, dahinter, wie viele Ballwechsel er auf dem Feld stand und in wie vielen Sätzen. Keine Meinung, keine Schätzung, nur das, was die App mitgezählt hat, während ich erfasst habe.

„In dem Spiel, das ich hier offen habe, stehen die oberen drei bei 210 Ballwechseln in fünf Sätzen, und ganz unten steht jemand mit 21 Ballwechseln in einem einzigen Satz. Das muss man niemandem erklären. Das sieht man.“

Der Block Spielzeit eines gespielten Spiels: acht Spieler untereinander mit grünem Balken, oben drei mit 210 Ballwechseln und fünf Sätzen, unten Bram mit 21 Ballwechseln in einem Satz.
Die Balken zählen Ballwechsel und Sätze, keine Minuten — Volleyball hat keine Uhr.

Warum Ballwechsel und nicht einfach Minuten?

„Weil Volleyball keine Uhr hat. Ein Satz geht 25:9 und ist nach zwanzig Minuten durch, der nächste zieht sich bis 31:29. Wer in diesem zweiten Satz stand, hat doppelt so viele Bälle mitgespielt wie jemand aus dem ersten. In Minuten sähe das fast gleich aus.

„Ballwechsel zählen das, was ein Spieler wirklich mitbekommen hat. Die Sätze daneben sagen, wie oft er beim Satzbeginn auf dem Feld stand. Diese beiden Zahlen nebeneinander sagen ziemlich genau, was für ein Spiel es für ihn war.“

Ein einzelnes Spiel sagt allerdings noch nicht viel.

„Stimmt, und genau darum geht es in dem Gespräch ja. Deshalb steht dieselbe Messung auch auf meinem Startbildschirm, dort aber addiert über alle Spiele dieser Saison, die ich live erfasst habe. Darunter steht, in wie vielen Spielen gemessen wurde, damit ich weiß, wie schwer ich das wiegen darf.

„Und die Liste steht andersherum, als man denkt: die wenigste Spielzeit oben, bei den ersten Namen ein kleines Label mit der Frage, ob die nicht nächste Woche starten sollten. Ich muss mir also nichts ausdenken. Meine Reihenfolge liegt schon da.“

Und dann: Hat der Vater nun recht oder nicht?

„Meistens beides. Bei der Reihenfolge hat er fast immer recht: Sein Kind steht tatsächlich unten. Beim Ausmaß hat er fast nie recht. Aus ‚er spielt nie‘ wird ‚er hat ungefähr ein Drittel der Ballwechsel gespielt, die die Stammsechs gespielt haben‘.

„Das ist der Satz, der das Gespräch dreht. Der Vater hatte recht, nur nicht bei der Zahl. Und das darf man ruhig laut sagen, weil beides stimmt.“

Macht die Zahl das Gespräch leichter?

„Nein. [lacht] Das dachte ich auch, es ist aber nicht so. Sie macht es ehrlich, und das ist etwas anderes. Was die Zahl schafft, ist, den Streit über die Fakten wegzunehmen. Wir müssen uns nicht mehr darüber zanken, ob es viel oder wenig war.

„Übrig bleibt die eigentliche Frage: Warum steht mein Kind unten, und was muss es tun, um nach oben zu kommen? Das ist eine Trainerfrage. Schwerer, aber die kann ich wenigstens beantworten.“

Und wenn der Vater schlicht recht hat?

„Dann stehe ich da mit meinem eigenen Bildschirm in der Hand, der mir unrecht gibt. Das ist passiert. Du denkst, du verteilst fair, und dann siehst du denselben Namen vier Spiele hintereinander ganz unten. Nicht aus bösem Willen — im engen Satz greifst du nun einmal zu den Spielern, denen du vertraust.

„Das Wechselblatt zeigt während des Spiels, wer noch auf der Bank sitzt und verfügbar ist, mit Namen und Position. Ich habe gelernt, beim Stand von 16:6 daraufzuschauen und nicht bei 22:24. Wer damit bis zum Schluss wartet, wechselt am Ende gar nicht.“

Das Wechselblatt während eines Live-Spiels: oben der Stand 16:6 gegen Orion H2, unten das Blatt Wechsel mit Tim de Vries heraus und zwei verfügbaren Spielern, Bram Kok und Finn Vos, samt Position.
Bei 16:6 ist ein Wechsel eine Entscheidung, bei 24:22 ein Risiko, das man nicht mehr eingeht.

In der App gibt es auch eine Anwesenheitsliste. Ist das nicht dasselbe?

„Nein, und genau da entsteht das Missverständnis. Anwesenheit sagt, wer da war, Spielzeit sagt, wer gespielt hat. Bei einem gespielten Spiel listet die App erst die anwesenden Spieler auf und darunter die abwesenden, jeweils mit der Anzahl daneben.

„In diesem Spiel waren neun da und einer nicht, und direkt unter der Liste stehen die Spielerleistungen. Ein Kind, das jeden Samstag da ist und wenig spielt, ist ein ganz anderes Gespräch als ein Kind, das die Hälfte der Spiele nicht auftaucht. Wer die beiden Listen verwechselt, redet aneinander vorbei.“

Ein gespieltes Spiel in der App: neun anwesende Spieler als Chips unter Anwesende Spieler, darunter Abwesende Spieler mit Nummer 8 Max Dekker, und darunter die Spielerleistungen mit Punkten, Angriff, Block und Aufschlag pro Spieler.
Anwesend und abwesend stehen direkt über den Leistungen — da sein ist der Anfang, nicht der Beweis.

Fängst du das Gespräch mit diesen Zahlen an?

„Nie. Ich fange bei der Aufstellung an, denn dort beginnt jede Frage nach Spielzeit. Ich zeige, welches System wir spielen, wer Zuspieler ist, wer Libero ist und welche sechs starten. Sobald ein Vater das sieht, versteht er, dass es keine Lotterie ist.

„Die Zahl kommt erst danach. In dieser Reihenfolge ist sie eine Erklärung. Andersherum wirkt sie wie ein Beweisstück, mit dem man jemandem den Mund verbietet, und dann hast du das Gespräch verloren, obwohl du recht hast.“

Die Aufstellungsübersicht mit Feld und sechs Positionen: oben die Wahl zwischen 5-1, 4-2 und 6-2, die sechs Namen auf ihren Plätzen und darunter die Reihen für Zuspieler und Libero.
System und Startsechs: Genau hier gehört jedes Gespräch über Spielzeit hin.

Was rätst du einem Trainer, dem dieses Gespräch nächste Woche bevorsteht?

„Erfasse ein Spiel live, bevor es so weit ist. Eines. Dann hast du beim nächsten Mal etwas anderes als dein Gedächtnis, und das hilft mehr, als man denkt. Und versprich einem Vater keine Minuten. Versprich, dass du hinschaust und dass du zeigst, was du siehst.“

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Spielzeit zeigen statt Spielzeit schätzen

Erfasse ein Spiel live in Koach, und du hast pro Spieler die Ballwechsel und die Sätze stehen. Das nächste Elterngespräch beginnst du dann mit einem Bildschirm statt mit einem Bauchgefühl.

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